Calls, Care & Chaos

 

TEXT: JOSEPHINE RATH 

 „Mom Brain“ – klingt nach Mythos, ist aber echter Ausnahmezustand. Psychologin Alina Spieth erklärt, was im Kopf von Müttern passiert, wenn Care und Karriere aufeinandertreffen – und warum Vereinbarkeit mehr ist als gutes Zeitmanagement. Dazu erzählen Working Moms, wie sie ihren Alltag wirklich meistern: mit Routinen, kleinen Tricks – und Momenten, in denen einfach alles Kopf steht. 

 Unsere Expertin: 

Alina Grandt, psychologische Beraterin & Gründerin von The Mom Identity, unterstützt Frauen dabei, ihre Mommy Identity neu zu definieren 

 „Das Gehirn hört nicht mehr auf, mitzudenken, zu planen, zu organisieren.“ 

Was macht Mutterschaft eigentlich mit uns – in unserem Kopf, in unserer Identität, in unserer Wahrnehmung? Wissenschaftlich ist längst belegt: Das mütterliche Gehirn organisiert sich nach der Geburt neu. Areale, die für Empathie, Antizipation und Fürsorge zu ständig sind, werden stärker vernetzt. Evolutionär ein Vorteil – praktisch oft ein Fluch. Denn genau diese neurologische Veränderung führt dazu, dass viele Frauen dauerhaft an alles denken. „Mütter entwickeln eine unglaubliche Antenne für Bedürfnisse – die ihrer Kinder, der Familie, des Systems um sie herum“, erklärt Psychologin Alina Spieth. „Das Problem ist: Diese Antenne bleibt ständig eingeschaltet. Das Gehirn hört nicht mehr auf, mitzudenken, zu planen, zu organisieren.“ So entsteht das, was wir heute Mental Load nennen: die unsichtbare Daueraufgabe, alles im Blick zu haben, alles vorzubereiten, alles mitzutragen. Mütter tragen dabei nicht nur die Arbeit – Organisation, Care, Job – sie tragen auch die unsichtbare Arbeit ihrer eigenen inneren Entwicklung, von der sie oftmals nicht einmal etwas wissen. Sie regulieren ihr Kind, den Alltag, die Beziehung und gleichzeitig sich selbst in einem neurobiologischen Ausnahmezustand mit ihrem „neuen“ Mom Brain. „Ein Gehirn, das Bindung sucht – in einer Welt, die Leistung fordert. Die eigentliche Herausforderung ist also nicht, alles zu schaffen, sondern in einem System zu bestehen, das nicht versteht, was in einer Frau passiert, wenn sie Mutter wird.“ 

Wenn Organisation nicht mehr reicht
Die gesellschaftliche Botschaft an Mütter lautet oft: Organisiere dich besser, finde Balance, sei effizient. Doch Organisation ist nicht das Problem: „Ich glaube, der Begriff Vereinbarkeit ist trügerisch, weil er so klingt, als ginge es um Organisation – dabei geht es um Identität. Viele Mütter erleben keine Balance, sondern eine ständige Fragmentierung ihres Selbst. Sie wechseln täglich zwischen Rollen, Sprachen, Erwartungen und müssen das innerlich integrieren, während das Außen so tut, als wäre das nur eine Frage von Zeitmanagement. Vereinbarkeit setzt voraus, dass Familie und Arbeit gleichberechtigte Systeme sind. Das sind sie aber nicht. Die Arbeitswelt ist immer noch auf das alte männliche Vollzeitmodell ausgerichtet – linear, kontrolliert, grenzenlos verfügbar. Mutterschaft dagegen ist zyklisch, emotional, relational – ein System, das auf Resonanz basiert, nicht auf Effizienz. Und genau dort entsteht der Riss: Eine Frau soll in zwei widersprüchlichen Welten gleichzeitig funktionieren.“ 

Schuldgefühle, Identität, neue Narrative Mental Load ist mehr als ein logistisches Problem. Er hat eine emotionale Dimension: Schuldgefühle, das Gefühl, nie genug zu sein – weder im Job, noch als Mutter. „Viele Frauen erzählen, dass sie sich innerlich zerreißen zwischen den Rollen“, sagt Spieth. „Die Herausforderung ist nicht, noch mehr zu leisten, sondern Mutterschaft neu zu definieren – jenseits von Perfektion.“ Immer mehr Mütter beginnen genau das: Sie schreiben ihre Narrative neu. Sie erlauben sich, Chaos zu akzeptieren, Grenzen zu setzen und ihre Identität nicht nur über Care-Arbeit zu definieren. „Mutterschaft darf vielfältig sein“, betont Spieth. „Es gibt nicht den einen richtigen Weg.“ 

Bilder: Unsplash, privat, Anija Schlichenmaier, Katja Brömer