Wollen wir Freunde bleiben? 

 Nach der Scheidung oder Trennung befreundet bleiben? Warum ein friedvoller Umgang mit dem Ex Partner wertvoll für uns selbst und unsere Kinder ist und wie das überhaupt funktionieren kann, hat uns Scheidungsanwältin Martina Ammon verraten 

 

TEXT: TABEA HARBECKE 

Eine Trennung ist selten einfach. Wir kennen das aus eigener Erfahrung, durch Freundinnen oder die Klatschspalten – wenn eine Ehe zerbricht, fliegen nicht nur die Emotionen, sondern oft auch mal die Fetzen. Kein Wunder, schließlich endet ein Kapitel – und ein ganz neues Leben beginnt. Doch was, wenn eine Trennung nicht nur einen Einschnitt bedeutet? Martina Ammon sieht hier eine Möglichkeit zum Neuanfang. In über 20 Jahren hat sie viele Paare in dieser sensiblen Zeit der Scheidung begleitet und erlebt, dass ein friedvoller Austausch zwischen den Partnern in allen Phasen der Trennung möglich ist. Sie liefert hilfreiche Tipps, wie insbesondere wir Frauen uns gut für diesen Neuanfang vorbereiten und wie wir uns selbst und unserer Rolle als Eltern treu bleiben.

Viele Paare wollen nach dem Ende einer Beziehung respektvoll miteinander umgehen – aber im Alltag ist das oft schwer. Welche Strategien gibt es, um nach einer Trennung Frieden zu schaffen, statt alte Konflikte weiterzutragen? Frieden nach einer Trennung entsteht nicht durch gute Vorsätze, sondern durch Klarheit. Wer sich vorher ständig im Kreis gestritten hat, wird nach der Trennung kaum plötzlich harmonisch kommunizieren. Wer schon in der Beziehung in starker Abhängigkeit von und Kontrolle durch den Partner gelebt hat, wird das auch nach der Trennung weiter erfahren – das Muster bleibt, nur die Bühne ändert sich. Der Charakter der Beziehung prägt also zwangsläufig auch die Zeit danach. Entscheidend ist, Verantwortung zu übernehmen: für das eigene Verhalten, die eigenen Grenzen und Emotionen und vor allem die Ausgestaltung der eigenen Zukunft. Statt alte Konflikte wiederzukäuen, sollte man den Fokus auf die Zukunft legen – auf das, was man selbst gestalten kann, wo man autonom agieren kann und wo es Kooperation mit dem anderen benötigt, auch wenn keine gemeinsamen Kinder aus der Ehe hervorgegangen sind. Konkret heißt das: klare Absprachen, weniger Interpretation, keine emotionalen Nebenschauplätze. Am Anfang kann es hilfreich sein, Themen unter Moderation eines Dritten zu besprechen oder auch Anwälte mit der Scheidung beauftragen, die für Kooperation und nicht Rosenkrieg stehen. Unerlässlich ist es auch, am eigenen Selbstbild und auch Selbstwert zu arbeiten, um sich nicht mehr von alten Themen und Strukturen blockieren zu lassen und in den negativen Mustern der Ehe auch nach Trennung zu verharren. Wer Kommunikation auf das Nötigste reduziert und im Gespräch konsequent sachlich bleibt, schafft Distanz – und genau diese Distanz ist oft der Beginn von Frieden. Im Inneren, aber auch im Kontakt mit dem anderen.

Gibt es signifikante Unterschiede bei den Themen, die Männer beziehungsweise Frauen mitbringen? Ja, absolut – aber nicht so, wie viele denken. Männer sprechen oft über Besitz, Status und Kontrolle, wollen ihr Gesicht wahren und den Kopf so schnell wie möglich frei bekommen. Frauen wiederum sprechen über Verantwortung, ihre Aufopferung für die Ehe und Familie, Gerechtigkeit und Fairness. Während Männer tendenziell den materiellen Verlust fürchten – das Haus, das Geld, die vermeintliche Ordnung – und um jeden Preis vermeiden wollen, erleben Frauen meist den emotionalen Kontrollverlust: die Angst, – wie oft schon in der Ehe – persönlich und wirtschaftlich übergangen oder nicht ernst genommen zu werden und keine Kompensation für das zu erhalten, was sie aufgegeben haben. Beide haben ihre Themen also auf ganz unterschiedlichen Ebenen des Konfliktes und der Wirklichkeit. Hinter beiden Seiten steckt letztlich dasselbe Bedürfnis – gesehen und respektiert zu werden. Wertschätzung ist der Schlüssel; wie meist in Paarbeziehungen. Der Kampf um diese im Grunde mit der Trennung nachgeholte Wertschätzung für die eigene Leistung eint wiederum beide. Der Unterschied liegt also weniger im Ziel, sondern darin, wie darüber gesprochen wird. Männer argumentieren häufig strategisch, Frauen relational. Für viele Frauen ist dies ein Pferdefuß, denn sie definieren sich immer noch über den Beziehungskontext, auch wenn die Ehe in den Brüchen ist. Männer hingegen gestalten umgehend ihre Zukunft für sich allein. Beide Perspektiven haben Gewicht – und beide verdienen Gehör.

Wie können Frauen den Scheidungsprozess auf Augenhöhe meistern? Eine Scheidung auf Augenhöhe gelingt Frauen dann, wenn sie auf zwei Ebenen das Thema bearbeiten: einerseits eine innere Klarheit für die Zukunft entwickeln, die sie mit der Trennung erreichen wollen und andererseits diese Ziele mit einer starken rechtlichen Vertretung durchsetzen. Viele Frauen gehen naiv und blauäugig in Verhandlungen, ohne ihre tatsächliche Position zu kennen – rechtlich, emotional, finanziell oder strategisch. Deshalb ist es entscheidend, einen Fachanwalt an der Seite zu haben, der nicht nur das gesetzlich Notwendige durchsetzt, sondern von Anfang an eine faire, nachhaltige finanzielle Ausstattung anstrebt und auch bereit ist, dafür zu kämpfen. Augenhöhe entsteht, wenn Frauen selbstbewusst und klar ihre Zahlen kennen, Unterlagen geordnet vorlegen, eigene Vorstellungen auf den Punkt formulieren und unfaire Kompromisse konsequent ablehnen. Frauen müssen lernen Nein zu faulen Vergleichen und Ja zu sich selbst zu sagen. Das ist oft der größte Schritt hin zur Augenhöhe: kein People Pleasing mehr zu betreiben, in der irrigen Annahme, der Mann sei dann auch schon fair. Das Gegenteil ist der Fall. Nur wer innerlich und äußerlich vorbereitet ist, wird gehört – und nur wer Haltung zeigt, wird ernst genommen. Aus genau diesem Grund habe ich auch mein Mentoring „Scheidung auf Augenhöhe“ gegründet, in dem ich Frauen ganzheitlich begleite und auf diese Augenhöhe führe. Damit sie dann mit ihren Anwälten auch auf Augenhöhe verhandeln können.

Die vier Säulen Ihrer Arbeit sind Humanismus, Fairness, Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit. Was steckt dahinter? Wenn ich sage, meine Arbeit beruhe auf Humanismus, Fairness, Nachhaltigkeit und Ganzheitlichkeit, dann meine ich damit kein Kanzlei-Motto – sondern Haltung. Im Zentrum meiner Arbeit steht der Mensch, die Familie, nicht die Paragrafen. Das Rechtssystem ist oft zu eng, zu unterfinanziert, zu langsam, um echte Gerechtigkeit zu schaffen. Deshalb muss der Ansatz der Konfliktlösung weit darüber hinausgehen: Nur Fairness führt zu einer Lösung, die trägt – nicht der taktische Sieg, der kurz nach der Scheidung in den nächsten Streit mündet, weil die Eheleute sich nicht untereinander befriedet, sondern den Konflikt mit einem faulen Kompromiss besiegelt haben, der viel zu oberflächlich ist, um wirklich inneren Frieden und auch Rechtsfriede zugleich zu schaffen. Nachhaltigkeit heißt in diesem Zusammenhang, die Trennung so zu gestalten, dass beide Seiten in Würde und versorgt weiterleben können, ohne Rache, ohne Neid, ohne Schuldspirale. Und es heißt vor allem, dass beide Ex-Partner gelernt haben, wie sie künftige Themen konstruktiv lösen können, ohne den nächsten Konflikt zu schüren. Eine Erfahrung, die gerade in der Mediation regelmäßig gelingt. Paare, die eine Mediation durchlaufen haben, brauchen in der Regel keine anwaltliche Vertretung mehr, auch wenn sich die rechtliche Situation später wieder verändert, etwa, weil die Kinder volljährig werden. Sie haben gelernt, wie sie diese Veränderung selbst untereinander lösen können, während Paare, die einen Rechtsstreit durchlaufen haben, meist wieder eine anwaltliche Vertretung brauchen, um den Unterhalt dann neu zu berechnen, weil der Konflikt nicht nachhaltig gelöst wurde. Und Ganzheitlichkeit bedeutet, den Menschen als Ganzes zu sehen – mit seiner seelischen, emotionalen und wirtschaftlichen Realität. Wer nur das Rechtliche klärt, verfehlt das Wesentliche im Leben eines Paares, das sich trennt. Wer den Menschen in all seinen Facetten versteht, befriedet auch den Konflikt. Das ist das Schöne an dem Beruf einer Scheidungsanwältin: Menschen in ihrer größten Krise zu begleiten und zu erleben, wie sie über sich hinauswachsen. Das fasziniert mich auch nach 25 Jahren jeden Tag aufs Neue. 

Unsere Expertin:
Martina Ammon, Fachanwältin für Familienrecht 

Eine Trennung kann auch eine Chance sein – vor allem für die Kinder. Was genau meinen Sie damit, wenn Sie sagen: „Eine positiv gestaltete Trennung schützt und erzieht durch Vorbild“? Eine Trennung wird noch viel zu oft als ein Scheitern begriffen. Dabei ist sie eine in der Regel immer notwendige Kurskorrektur – und damit immer auch eine Chance. Eine Chance, wieder sich selbst zu begegnen und seiner eigenen Lebenssehnsucht wieder Raum zu geben. Wer diese Chance nutzt, kann alte Muster wahrhaftig durchbrechen, Verantwortung für sich selbst übernehmen und das eigene Leben wieder in die Hand nehmen. Viele Menschen erkennen erst in dieser Phase, was ihnen wirklich wichtig ist und wie sehr sie sich selbst verloren haben; vor allem Frauen haben oft diesen inneren Ruf nach sich selbst und ihren Träumen und Wünschen in diesem Leben, die sie noch verwirklichen wollen. Daher gehen übrigens auch die meisten Trennungen von Frauen aus. Eine respektvoll gestaltete Trennung ist damit ein Akt der Selbstachtung – und oft der Beginn innerer Klarheit und äußerer Erfüllung. Für die gemeinsamen Kinder bedeutet das, dass sie Eltern erleben, die Verantwortung für sich und das Leben übernehmen, Grenzen wahren und sich ehrlich begegnen. Diese Eltern sind ein stärkeres Vorbild als Eltern, die in unglücklichen Beziehungen verharren und jegliche Perspektive und Hoffnung verloren haben. Kinder lernen, dass man Krisen nicht verdrängen sollte, sondern gestalten kann – und genau das macht sie stark für ihr eigenes Leben. Für ein Leben in einer Zeit, in der Beziehungen noch kurzlebiger und Wandel noch rascher erfolgen wird. Kinder lernen am Modell. Und so lernen sie ein Modell, das ihnen vorlebt, dass Wandel eine Chance ist und keine Bedrohung. 

Bilder: Unsplash