Einfach: Nein! 

Vier Buchstaben, ein kleines Wort und trotzdem fällt es oft so schwer, es zu sagen: Nein! Ab jetzt ist Schluss mit dem Dasein als Ja-Sagerin, denn wir stehen ab sofort für unsere Interessen ein 

 

TEXT: Lene Rusbült

Warum ist es eigentlich oft so, dass man nicht auffallen will? Angepasst zu sein und es ständig allen recht machen zu wollen – auch wenn die eigenen Bedürfnisse dabei auf der Strecke bleiben – kennen wohl viel Frauen sehr gut. Bei der Frage „Könntest du mal schnell …?“ lautet unsere Antwort in den meisten Fällen „Ja, klar!“ – obwohl wir am allerliebsten einfach „Nein“ gesagt hätten. Also schieben wir noch schnell die eine Aufgabe dazwischen, obwohl unsere To-do-Liste schon nach Aufsatz aussieht, hetzen für ein schnelles Coffeedate zu unserer Freundin, obwohl der Tag eigentlich proppenvoll ist, oder helfen bei einem Umzug, auch wenn wir unbedingt mal ausruhen sollten … Ein einfaches Nein würde uns an so manchen Stellen die Freiheit geben, unsere eigenen Wege zu gehen und authentisch zu sein. Warum fällt es uns also so verdammt schwer, diese vier Buchstaben zu sagen, und warum ist es so entscheidend, dass wir diese „Fähigkeit“ entwickeln? 

Im Gegensatz zu Männern neigen Frauen eher dazu, ständig zu allem Ja zu sagen. Das liegt nicht zu letzt an unserer Erziehung in der Kindheit, denn bereits jungen Mädchen wird öfter als Jungs eingetrichtert, immer freund lich und höflich zu sein. Rollenklischees? Nein, danke! 


JA-SAGER – EIN KULTURELLES PROBLEM?

Von Kindesbeinen an lernen wir, dass Ja sagen Höflichkeit, Kompromissbereitschaft und Teamfähigkeit bedeutet. Wir werden ermutigt, flexibel zu sein, anderen zu helfen und Konflikte zu vermeiden. Diese Prägungen sind tief in unserem kulturellen Verständnis verankert und werden oft unbewusst von Generation zu Generation weitergegeben. Auf der psychologischen Ebene ist das Ja-Sagen oft Ausdruck des Bedürfnisses nach Anerkennung und Akzeptanz. Wir fürchten Ablehnung oder negative Konsequenzen, wenn wir Nein sagen. Diese Angst kann so tief sitzen, dass wir uns über unsere eigenen Bedürfnisse und Grenzen hinwegsetzen, um anderen zu gefallen oder Konflikten aus dem Weg zu gehen. Nein zu sagen ist aber ein Akt der Selbstachtung – und auch des Selbstschutzes. Indem wir Grenzen setzen, zeigen wir Respekt vor unseren eigenen Bedürfnissen und Werten. Es ermöglicht uns, unsere Energie und Zeit sinnvoll einzusetzen und uns nicht zu übernehmen. Nein-Sagen ist somit entscheidend für unsere persönliche Gesundheit und unser Wohlbefinden. 

 DAMIT DAS NEINHORN KEIN FABELWESEN BLEIBT: SO KLAPPT‘S! 

STEP BY STEP 

Auch beim Nein-Sagen gilt: mit kleinen Schritten beginnen! Das heißt, dass man nicht direkt zu allem Nein sagen muss und sich auch nicht direkt dem Chef stellen muss. Am besten beginnen wir mit Situationen, in denen das Nein-Sagen weniger bedrohlich wirkt und trainieren das so lange, bis wir uns sicherer fühlen, uns immer größeren Herausforderungen zu widmen. 


ALLE GEFÜHLE SIND ERLAUBT

Schlechtes Gewissen nach dem Nein-Sagen? Das ist normal und völlig okay! Akzeptieren wir unsere Gefühle, kommen wir besser mit ihnen klar – und vermeiden, dass sie unsere Entscheidungen bestimmen. 

SELBSTERKENNTNIS IST DER ERSTE SCHRITT… 

… zum Nein-Sagen. Denn bevor wir in Aktion treten, müssen wir uns bewusst werden, was unsere Werte und Grenzen sind. Erst wenn wir verstehen, was uns wichtig ist und warum wir Schwierigkeiten haben, Nein zu sagen, können wir daran arbeiten. 

VIELEN DANK FÜR DIE BLUMEN!

Manchmal sind Bitten versteckte Komplimente – und die dürfen auch gern annehmen. Wenn man sich lieb für eine Geste bedankt, fällt das anschließende Nein-Sagen gar nicht mehr so schwer. Wie zum Beispiel: „Danke, dass du dabei an mich gedacht hast, das ist total lieb, aber leider werde ich es zeitlich heute einfach nicht schaffen“. 

VERSCHOBEN IST NICHT AUFGEHOBEN 

Dass wir jetzt gerade nicht können oder eine Auszeit brauchen, heißt nicht, dass wir die Bitte komplett ausschlagen müssen. Manchmal fällt es leichter, stattdessen einfach einen alternativen Termin vorzuschlagen. Ein guter Kompromiss, wenn wir etwas Luft zum Atmen brauchen, es jedoch (noch) nicht übers Herz bringen, unserem Gegenüber einen Korb zu geben. 

Bilder: Unsplash